Interview mit Robert Domes

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Robert Domes ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er schrieb in seinem Buch „Nebel im August“ über das Leben des Opfers nationalsozialistischer Gräuel, Ernst Lossa. Der Roman wird an Schulen oft als Unterrichtslektüre gelesen. 2015 ist er für die Kinos verfilmt worden. Domes las am 25.11.2017 an der FOS/BOS Augsburg aus seinem Buch, beantwortete Fragen zum Inhalt sowie der Arbeit an der Geschichte und diskutierte mit den Schülern über Themen wie Ausgrenzung, Mobbing und den Wert eines Menschenlebens.


Valentin Kartaly
Lisanne Wolters

Verweis: Guten Tag Herr Domes. Wir begrüßen Sie recht herzlich bei uns.

Robert Domes: Danke!

Verweis: Sie haben nun zwei anstrengende Lesungen hinter sich. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Robert Domes: Geht so. So langsam lässt die Energie nach, aber noch geht es.

Verweis: Vorhin meinten Sie, die Lesungen hätten Sie sehr berührt.

Robert Domes: Ja, allerdings. Ich habe nun schon weit mehr als 100 Lesungen hinter mir und ich sage mir immer, wenn es mich selbst nicht mehr mitnimmt, und ich aufhöre mit Engagement und Teilnahme zu lesen, dann ist es Zeit mit den Lesungen aufzuhören. Aber solange sie mich noch bewegen und das tun sie nach wie vor, mache ich gerne weiter.

Zurzeit habe ich recht viele Lesungen. Die Resonanz und die Fragen sind jedes Mal ein bisschen anders, abhängig von der Schule, die ich besuche. Deswegen ist jedes Mal wieder etwas Neues für mich. Außerdem bin ich ein neugieriger Mensch und freue mich darüber, neue Menschen und Kontakte bei den Lesungen kennen zu lernen. Das sehe ich definitiv als Bereicherung.

Verweis: Welche Gefühle hoffen Sie denn bei den Zuhörern und Lesern geweckt zu haben?

Robert Domes: Ich habe da eigentlich kein konkretes Ziel. Aber dazu fällt mir etwas ein: Ich habe vor zwei Tagen eine E-Mail von einer Studentin aus Kiel bekommen, die gerade die Geschichte ihres Großvaters aufarbeitet. Dieser war Musiker und sollte damals in den Krieg ziehen, erlitt deswegen einen Nervenzusammenbruch und wurde in eine Anstalt eingeliefert. Auch er ging dann in den Mühlen der Euthanasie zu Grunde.

Die Studentin hat sich in der E-Mail bei mir für meine Arbeit bedankt und mir ein bisschen von ihrer Arbeit vorgestellt. Eine ihrer Formulierungen hat mir besonders gut gefallen, denn sie meinte, dass wir beide versuchen, „aus den Opfern Menschen zu machen“. Das habe ich dann gleich in mein Repertoire aufgenommen.

Niemand kann sich millionenfaches Leid vorstellen. Wenn wir hören, dass 200, 1000 oder eine Million Menschen getötet wurden, können wir das nicht aufnehmen – dafür ist unser Herz zu klein. Aber wir können einer einzelnen Person Empathie entgegen bringen und die Ereignisse anhand dieser Person beispielhaft schildern.

So war es bei Anne Frank und so ist es bei Ernst Lossa; mir ist es wichtig, einem Menschen Gesicht und Stimme zu geben. Welches Gefühl jeder dazu entwickelt, ist je nach Erfahrungen, Vorwissen und Einstellung ganz unterschiedlich. Es ist allerdings für mich schon schön zu sehen, wie sehr junge Menschen immer wieder von meinem Buch und der Lesung berührt sind.

 

Verweis: Sie haben ja sehr lange recherchiert für die Geschichte. Woher nahmen Sie die Motivation, stets weiterzumachen?

Robert Domes: Ehrlich gesagt: Keine Ahnung! Meine Frau behauptet immer, ich hätte offenbar viel Resilienz (lacht), aber es gab durchaus auch viele Momente, in denen ich frustriert war und das ganze Zeug am liebsten in die Ecke geschmissen hätte.

Sehr hilfreich war in diesen Phasen Dr. von Cranach, der mir als erfahrener Psychiater und Psychologe stets zur Seite stand und mich motiviert hat, weiter zu machen.

Verweis: Sie haben vorhin in der Lesung sogar gemeint, sie hätten in dem halben Jahr, in dem Sie an dem Buch schrieben mehrmals kurz vor einer Depression gestanden. Inwiefern hat ihnen Dr. von Cranach damit weiterhelfen können, als er merkte, dass es Ihnen so schlecht ging?

Robert Domes: Er ist einfach über die Zeit zu einem sehr guten Freund geworden. Er unterstützt mich, wenn auch eher weniger mit Ratschlägen, sondern einfach dadurch, dass er da ist, Verständnis hat und mich anspornt. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Verweis: Was war der mühseligste Part an ihrer Arbeit?

Robert Domes: Das war, glaube ich, das „Finden der Geschichte.“

Nachdem ich so lange recherchiert hatte, hatte ich das Puzzle der Tatsachen zusammengefügt – aber wie daraus ein Buch werden sollte, das gut lesbar und von einer hohen Qualität ist, war gar nicht so leicht für mich herauszufinden.

Ich bin nämlich, anders als viele andere Autoren, jemand, der beim Schreiben eine Struktur braucht. Ohne die würde ich im Chaos versinken. Ich habe über ein Jahr probiert, mich dem Stoff aus verschiedensten Perspektiven und mit unterschiedlichen Herangehensweisen zu nähern. Es ist mir wichtig, für jedes Kapitel genau das Ziel, den Inhalt, die Sprache und so weiter zu bestimmen.

Wenn also die Vorarbeit gelungen ist, habe ich im Idealfall einen Film im Kopf, den ich nur noch abschreiben muss. Das ist dann wiederum sehr schön und fällt mir leicht. Aber die Suche nach einer Strukturierung, die ich als stimmig empfand, war am schwierigsten.

Verweis: Gibt es autobiografische Ansätze in der Geschichte?

Robert Domes: Nein. Nach „Nebel im August“ habe ich zwei Kriminalromane geschrieben, in denen tatsächlich ein paar persönliche Elemente vorkommen, aber da mir für Ernst Lossas Geschichte ein genauer Rahmen vorgegeben war, war es mein Ziel, das Buch dokumentarisch so authentisch wie möglich zu gestalten und dennoch das größtmögliche Maß an Lebendigkeit mit hineinzubringen.

Verweis: Zurzeit ist wieder eine Zunahme an rechtspopulistischem Gedankengut in der Welt wahrzunehmen. Dient Ihr Buch lediglich der Aufklärung und Aufarbeitung, oder ziehen Sie Parallelen zu momentanen Stimmungen und Situationen?

Robert Domes: Na ja, das Buch ist 2008 erschienen; da waren Themen wie die Flüchtlingskrise, Trump, Erdoğan oder Orbàn noch nicht aktuell. Aber das Grundthema gibt es ja schon immer in der Gesellschaft: Es gibt immer einen mehr oder minder aufflackernden, rechten Rand.

Beim Schreiben habe ich mich wirklich ganz und gar auf die Fakten von damals konzentriert.

Mir kommt es bei dem Buch auch eher auf die gesellschaftliche und soziale Botschaft an, anstatt auf die politische; dass Individuen, die sich nicht in die Menge einfügen, weil sie nun einmal anders als die breite Masse sind oder agieren, eine große Bereicherung für uns darstellen.

Diese Nachricht trägt sowohl das Buch, als auch der vor Kurzem erschienene Film in sich: Die sogenannten Asozialen sind meist die Sozialsten und die sogenannten Verrückten sind oft die Normalsten von allen.

Aber natürlich gibt es in jedem Roman eine Metaebene, die das Erzählte auf die heutige Zeit übertragbar macht.

Verweis: Es gibt keine persönlichen Aufzeichnungen von Ernst Lossa. Wie gelang es Ihnen dennoch, seinen Charakter und seine Person so detailliert darzustellen?

Robert Domes: Durch die Akten habe ich mich in Ernsts Lebenssituation hineinversetzen können.

Als Beispiel nehme ich mal den Tag, an dem Ernst in der Heilanstalt eingeliefert wird. Das komplette Prozedere war mir durch die Fakten im Detail bekannt. Er wird von seinem vorherigen Betreuer dorthin gebracht, gewaschen, die Haare werden ihm geschoren und so weiter, bis er zur Untersuchung beim Anstaltsarzt kommt.

An der Stelle ist mir aufgefallen, dass der zuständige Arzt derselbe war, der Ernsts Familie bereits Jahre zuvor in Augsburg das Leben schwer gemacht hat und letztendlich der Grund für die Trennung der Kinder von ihrer Mutter war. Was macht also ein „ungezogener“ Zwölfjähriger, der so jemandem gegenüber steht? Das Erste, woran Ernst natürlich denkt, ist, dem Doktor eins auszuwischen. Also klaut er die Uhr des Arztes.

Da ich durch die Vorgaben ja recht genau wusste, wie der Junge drauf war, konnte ich mich also dann recht gut in ihn und die Situation hineindenken und ihn in meinem Kopf zum Leben erwecken. Die Figur hat dadurch ein Eigenleben entwickelt und beeinflusst letztendlich auch, ob ich mich genau an mein Skript halte oder es wegen ihrer Persönlichkeit in Betracht ziehe, die Szene anders umzusetzen.

Verweis: Einen großen Teil des Buches nimmt die Erzählung über den vierjährigen Ernst ein. Für dieses Alter sind viele seiner Gedanken und Handlungen allerdings sehr reflektiert. Handelt es sich hierbei um einen Zufall oder wollten Sie damit etwas Bestimmtes zum Ausdruck bringen?

Robert Domes: Das ist eine kleine Schwachstelle des Buches. Es stellte sich die Frage, wie man die Eindrücke und das Empfinden eines 3- bis 4-Jährigen darstellt. Da ich viele Kinder habe, kann ich mich durchaus ganz gut in ein Kind hineindenken, aber dieser Rahmen reicht natürlich nicht ganz aus, um die Geschehnisse im Buch detailliert wiederzugeben.

Ernst ist zwar aufgrund seiner ereignisreichen Kindheit um einiges reifer, als es ein durchschnittliches 3- bis 4-jährige Kind, wie wir es kennen, ist. Tatsächlich sind seine Gedankengänge allerdings oft etwas zu erwachsen.

Ich habe versucht, dem entgegenzuwirken, indem ich die Geschichte am Anfang des Buches eher bildhaft und gen Ende hin eher dialogisch konzipiert habe. So habe ich versucht, die Gedankenwelt eines Kindes eher als eine Art „Bilderstrom“ zu schildern und erst mit zunehmenden Alter meines Protagonisten die Geschichte dialogischer und abstrakter zu erzählen.

Verweis: Haben Sie neben Ernst eine spezielle Romanfigur ins Herz geschlossen?

Robert Domes: Ach, eigentlich wachsen einem alle Figuren ans Herz, besonders die Mitpatienten. Josef, der ja mit Ernsts bester Freund ist, auch die Nandl, wobei das alle erfundene Figuren sind, sie stammen zwar aus Originalakten, sind aber so anonymisiert, dass sie weitestgehend fiktional sind. Ebenfalls Max Riess, welcher einer greifbaren Person entspricht und für Ernst wie ein Vater war. Eigentlich wachsen alle seine Freunde einem ans Herz.

Verweis: Was haben Sie für Beziehungen zu den Quellen?

Robert Domes: Ich hab nur noch wenige Zeitzeugen getroffen, da es schon lange her ist und nur noch die wenigsten leben. Zur Schwester pflege ich eine großartige Beziehung: sie würde mich am liebsten adoptieren. Wir telefonieren normalerweise ein- bis zweimal im Monat.

Wir haben u.a. auch ihr ehemaliges Waisenhaus in Augsburg besucht. Als der Trubel rund um die Verfilmung losgegangen ist, haben wir uns auch wieder sehr häufig gesehen.

Sie freut sich, wenn sie mit einbezogen wird. Ich mag sie einfach.

Verweis: War die Schwester von Ernst überrascht, dass Sie ein Buch über ihren Bruder schreiben wollten?

Robert Domes: Sie war in der Hinsicht überrascht, weil sie die Lebensgeschichte ihres Bruders nicht für öffentlichkeitsrelevanten Erzählstoff gehalten hat. Sie war der Ansicht, es würde sich nicht lohnen, eine solche Geschichte groß rauszubringen. Ich musste viel Überzeugungsarbeit leisten, bis sie an die Wichtigkeit der Geschichte ihres Bruders und auch an das Buch geglaubt hat.

Filmplakat (Arthaus)

Verweis: Wie haben Sie sich gefühlt, als Ihr Buch verfilmt wurde?

Robert Domes: Als mich die Nachricht erreicht hat, dass eine Münchner Produktionsfirma die Rechte haben möchte, bin ich vor lauter Freude erst einmal durch die Wohnung getanzt. Danach kam die Angst auf, dass irgendein Produzent mein „Kind“ – also die Geschichte – möglicherweise verfälscht oder gar ruiniert.

Um diese Ängste auszuräumen, haben sich der Produzent, der Drehbuchautor, Dr. von Cranach und ich uns für ein Wochenende zusammengesetzt. Die Filmemacher haben mich und Dr. von Cranach während dieses Treffens regelrecht über die historischen Details ausgequetscht und waren anschließend noch überzeugter, dass sie die Geschichte auf die Leinwände bringen wollen – wohlwissend, dass es finanziell schwierig werden könnte.

Mir war nach dem Wochenende aber auch klar, dass der Stoff bei diesen Leuten in den richtigen Händen ist. Dieses Grundvertrauen ist natürlich sehr wichtig.

Vor allem wegen der Schwierigkeiten bei der Finanzierung dauerte es dann aber noch 8 Jahre, bis der Film endlich fertig war.

Verweis: Was halten Sie davon, dass im Film quasi nur „der letzte Teil“ des Buches gezeigt wird?

Robert Domes: Es war sehr schnell klar, dass der Film das Buch nicht komplett abbilden kann. Deswegen konzentriert sich der Film auf den letzten Teil. Zuerst hätte ich mir mehr Rückblenden gewünscht. Aber nachdem ich den Rohschnitt angesehen hatte, war ich total überrascht, wie wenig Elemente ich vermisste, und dass die Geschichte auch ohne Rückblenden funktioniert. Die Produzenten haben das sehr gut hinbekommen.

Verweis: Finden Sie es störend, dass im Film einige Charaktere zu einer neuen Person „zusammengefasst“ worden sind?

Robert Domes: Es ist schon manchmal schwierig, z. B bei den Ärzten. Auch wenn der Chefarzt im Film gut getroffen ist – er ist ein angenehmer Chef, der mit den Kindern auf den Stationen spielt und anschließend in seinem Büro die Todeslisten ohne mit der Wimper zu zucken absegnet – ist er dennoch nicht der einzige Arzt. Viele andere wurden weggelassen, aber so muss der Film arbeiten, da es sonst zu komplex wäre.

Selbst die Länge von 126 Minuten, die er nun hat, ist bereits recht lang. Man muss sich entscheiden, ob man einen Film über die Motivation des Täters oder die Geschichte des Opfers erzählt und ich hab mich dafür entschieden, die Geschichte des Opfers zu verfassen. Der Film erzählt nicht nur die Geschichte von Ernst Lossa, sondern auch die Geschichte der Euthanasie, um dies zu erreichen, mussten auch historische Einschnitte getätigt werden.

Verweis: Bis zu welchem Zeitpunkt kann man ein Folgewerk erwarten?

Robert Domes: Es ist schwer zu sagen, bis wann ein Folgewerk erscheinen wird. Bisher habe ich noch keine Zusagen von Verlagen erhalten und ohne Verleger, der mir eine finanzielle Absicherung garantiert, kann ich es mir nicht leisten, mit einem neuen Projekt über die Lossas zu beginnen. Natürlich besitze ich bereits viele, notwendige Akten für eine weitere Geschichte, aber das Schreiben eines neuen Romans würde mindestens ein halbes Jahr dauern, in dem ich vorfinanziert werden muss.

Verweis: Sie haben schon ein Konzept?

Robert Domes: Ich habe ein Exposé geschrieben, sowie eine Langfassung und eine Kurzfassung über die Familien- und Verfolgungsgeschichte der Lossas. Diese sind zurzeit bei meiner Agentur, die versucht, einen Verlag zu finden, der bereit ist, das Material zu veröffentlichen.

Verweis: Zum Schluss: Was sollten Schüler von diesem Buch mitnehmen?

Robert Domes: Ich bin nicht der Detektiv, der meint, dass man dies oder jenes aus dem Buch mitnehmen muss.

Was ich allerdings erwähnenswert finde, ist, dass sich bei den Lesungen des Öfteren eine Diskussion über Mobbing unter den Schülern entwickelt und sie somit darüber reflektieren, wie der Umgang mit ihren Mitmenschen sein sollte und tatsächlich ist. Dieser reale Bezug ist natürlich gegeben und es bereitet mir Freude, dass solche Themen durch mein Buch in das Blickfeld des ein oder anderen rücken.

Aber letztendlich kann jeder selber entscheiden, was er für sich aus der Geschichte mitnimmt und was nicht.

Verweis: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen noch einen schönen Tag!

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